Folgt man der Lebenserzählung des Künstlers, entstehen in regelmäßigen Abständen groteske und phantastische Reihen. Zunächst in den graphischen Medien, in denen der gelernte Holzbildhauer über eine große Sicherheit verfügt, ab den 1920er-Jahren im Aquarell – das Emil Nolde letztlich traumwandlerisch souverän beherrscht. Höhepunkt seines Könnens im Aquarell sind die „Ungemalten Bilder“ – die auch ohne den Mythos, der jahrzehntelang um sie geschaffen wurde, von der genialen Kraft des alten Nolde zeugen.
In den Phantasien lässt er eine surreale, phantastische Welt entstehen, die sich kaum mit Worten fassen oder gar erklären lässt. Er malt im wahrsten Sinne des Wortes seine Gedanken aus, und zwar auf Papier und Leinwand. Direktor Dr. Christian Ring, Kurator der Jahresausstellung, erläuterte weiter: „Mit der Verbildlichung seiner Phantasien lässt er uns an seiner inneren Welt teilhaben und eröffnet uns ein völlig neues Erleben.“
Der gereifte Künstler verfasst tagebuchartige Notate, die er „Worte am Rande“ nennt. Am 8. Juli 1943 hält er fest: „Ausflüge ins Traumhafte, ins Visionäre, ins Phantastische stehen jenseits von Regeln und kühlem Wissen. Es sind freie, herrliche Gefilde und Gebiete voll Reiz und Schwarm in lichtem und tiefem und leichtem geistigem Erleben. Wer nicht träumen und schauen kann, kommt nicht mit.“ Nolde weiß, dass die „Phantasien“ eine Herausforderung darstellen, dass sie sich schwieriger erschließen lassen als die Motive, die in der Natur ihren Ursprung haben. Diese Feststellung gilt bis heute: Die Phantasien können ein willkommener Störfaktor sein. Sie brechen Konventionen, mal humorvoll, mal drollig, aber auch erschreckend und tiefgründig.
Nolde schreibt: „[…] wohin ich schaute, die Natur war belebt, der Himmel, die Wolken, auf jedem Stein und zwischen den Zweigen der Bäume, überall regten und lebten in stillem oder wildem lebendigem Leben meine Gestalten, die mich in Begeisterung versetzten und auch plagend nach Verbildlichung riefen.“ So stehen in der Ausstellung die Phantasien aus allen Phasen seines künstlerischen Schaffens und in allen künstlerischen Techniken gleichbedeutend neben leuchtenden Blumengärten, unendlich weiten Landschaften, tosenden Meeren und aufregenden Figurenbildern. Die 68. Jahresausstellung Seebüll 2024 zeigte das herausragende Werk in allen Facetten.
War die 67. Jahresausstellung Seebüll 2023 „Welt und Heimat“ gewidmet, wagte die Ausstellung „Emil Nolde – Phantasien“ einen anderen Blick in die Welt der Phantasie. Der expressionistische Künstler eröffnet uns Dank seiner unbezähmbaren Phantasie neue Gedankenräume.
Ob Bücher, Filme oder Serien: Nicht erst seit „Herr der Ringe“, „Harry Potter“ oder „Phantastische Tierwesen“ ist klar, dass sich Millionen von Menschen begeistert auf phantastische Welten einlassen. Das Versinken in eine freie und phantastische Welt, der Glaube an die Welt der Magie und des Staunens öffnet die Tür zu glücklichen Stunden in einer faszinierenden Märchenwelt. Mit seinen malerischen Mitteln und seiner unerschöpflichen Phantasie ermöglichte Emil Nolde diese beglückenden Momente mit seiner Kunst.